Mehr Leben, Gastronomie und Nachtkultur bedeuten auch Geräusche. Mit objektiven Daten gilt es Konflikte sichtbar machen und gezielt lösen – statt pauschal über „zu laut“ oder „zu ruhig“ zu diskutieren. Eine lebendige Innenstadt braucht Lösungen, nicht Verbote.
von Sven Lange
Reutlingen braucht eine Innenstadt, in der etwas los ist. Cafés, Gastronomie, Bars und Clubs, Kultur und Festivals gehören genauso dazu wie Sicherheit, Sauberkeit und eine hohe Aufenthaltsqualität. Gerade für junge Menschen und Studierende muss die Innenstadt ein attraktiver Ort sein – tagsüber und abends.
Das ist keine Nebensache. Reutlingen steht dabei im Wettbewerb mit anderen Städten: Tübingen profiliert sich seit Jahren als Studierendenstadt, Stuttgart bietet als Metropole ein breites urbanes Angebot. Reutlingen kann nicht darauf setzen, dass junge Menschen allein wegen der Hochschule hierherkommen. Wir müssen auch dafür sorgen, dass sie gerne hierbleiben, ihre Freizeit hier verbringen und die Innenstadt als lebendigen Teil ihrer Stadt erleben.
Vor diesem Hintergrund scheint es zielführend, den Soziallärm in der Innenstadt objektiv zu erfassen und eine sensorgestützte Lärmmessung nach dem Vorbild des Heidelberger HEAR-Projekts für das Bermuda-Dreieck zu prüfen.
Beim Städtetag in Heilbronn konnte ich mich mit diesem Ansatz im Rahmen eines Workshops beschäftigt. Interessant ist dabei vor allem die Frage, wie sich die häufig sehr subjektive Lärmdiskussion durch belastbare Daten versachlichen lässt. Denn wir sollten nicht über eine Innenstadt diskutieren, die entweder „zu laut“ oder „zu ruhig“ ist.
Wir sollten darüber diskutieren, welche Innenstadt wir wollen.
Zu einer attraktiven Innenstadt gehört für uns auch eine durchfahrtsfreie Altstadt. Unser bereits im Januar 2022 gestellter Antrag (22/005/005) orientiert sich dabei am Beispiel der Stadt Bozen: Die Altstadt soll nicht für Anwohner, ansässige Gewerbetreibende, Lieferverkehr, Taxi, Handwerker oder notwendige Pflege- und Sozialdienste abgesperrt werden. Es geht vielmehr darum, den sinnlosen Durchfahrts- und Parkplatzsuchverkehr herauszuhalten. Wer gezielt etwas erledigen möchte, soll weiterhin in die Altstadt fahren können. Wer hingegen Runde um Runde nach einem Parkplatz sucht oder die Altstadt lediglich als Durchfahrtsstrecke nutzt, sollte dafür nicht den öffentlichen Raum beanspruchen. Eine datenschutzkonforme Zufahrtskontrolle könnte hier ein wirksames Instrument sein. Weniger Suchverkehr bedeutet weniger unnötigen Verkehr, weniger Konflikte und mehr Raum für Menschen, Gastronomie und Aufenthaltsqualität.
Das derzeit diskutierte Mobilitätskonzept für die Altstadt bleibt uns an dieser Stelle zu zaghaft. Tempo 20 auf einzelnen Straßenabschnitten verändert aus unserer Sicht wenig am eigentlichen Problem. Wir wollen deshalb einen konkreten ersten Schritt hin zu einer durchfahrtsfreien Altstadt. Das Bozener Modell zeigt, dass eine solche Regelung funktionieren kann, ohne die Altstadt für ihre Bewohnerinnen und Bewohner oder das notwendige Gewerbe abzuriegeln. Gerade wenn wir über eine lebendige Innenstadt mit Cafés, Gastronomie, Kultur und Nachtleben sprechen, müssen wir auch den öffentlichen Raum entsprechend gestalten. Eine Innenstadt, in der Menschen gerne bleiben, braucht nicht möglichst viele Autos, sondern möglichst viel Raum für Menschen.
Eine lebendige Innenstadt erzeugt Geräusche. Menschen sitzen vor Cafés, treffen sich in Bars, besuchen Veranstaltungen, kommen aus Clubs oder feiern ein Festival. Das ist zunächst kein Problem, sondern Ausdruck einer funktionierenden Innenstadt. Gleichzeitig müssen Anwohnerinnen und Anwohner darauf vertrauen können, dass tatsächliche Belastungen erkannt und angemessen behandelt werden.
Genau hier kann ein Messsystem wie HEAR interessant sein. Sensoren können rund um die Uhr Daten erfassen, Belastungsschwerpunkte sichtbar machen und damit eine Grundlage für gezieltes Handeln schaffen. Statt pauschal über „Lärm“ zu diskutieren, könnte beispielsweise erkennbar werden, wann und wo tatsächlich problematische Situationen entstehen.
Das eröffnet auch die Möglichkeit, schneller und gezielter zu reagieren: Gastronomiebetriebe könnten bei auffälligen Werten informiert werden, der Kommunale Ordnungsdienst könnte gezielt an tatsächlichen Hotspots eingesetzt werden. Gleichzeitig könnten Maßnahmen überprüft werden, statt lediglich auf Beschwerden oder einzelne Wahrnehmungen zu reagieren.
Technik allein löst allerdings keinen Zielkonflikt. Deshalb müssen bei einem möglichen Pilotprojekt einige Fragen geklärt werden:
- Was genau wird als Soziallärm erfasst und wie werden die Daten bewertet?
- Wo müssen Sensoren stehen, damit ein realistisches Bild entsteht?
- Wie wird verhindert, dass aus Messwerten falsche Schlussfolgerungen gezogen werden?
- Wie werden Datenschutz und die Unabhängigkeit der Datenerhebung gewährleistet?
- Wer erhält die Daten und was wird tatsächlich veröffentlicht?
- Welche konkreten Reaktionen folgen auf auffällige Werte?
- Wie werden Gastronomie, Clubs, Anwohnerinnen und Anwohner sowie junge Menschen beteiligt?
- Und vor allem: Woran messen wir den Erfolg des Projekts? Nur an niedrigeren Dezibelwerten ist zu kurz gegriffen.
Denn unser Ziel kann nicht sein, Reutlingen möglichst leise zu machen.
Unser Ziel muss eine Innenstadt sein, in der unterschiedliche Interessen zusammen funktionieren.
Dazu gehören passende Öffnungszeiten, attraktive Gastronomie, Kultur und Festivals ebenso wie Sicherheit, Sauberkeit und gute Rahmenbedingungen für Anwohnerinnen und Anwohner. Dazu gehören auch Lösungen für Situationen, die beispielsweise beim Verlassen von Clubs entstehen – vom Nachtverkehr bis zu Taxi- und Abholbereichen.
Nicht vergessen werden darf dabei auch eine stärkere Verbindung zwischen Hochschule und Innenstadt. Studierende sollen nicht nur Nutzerinnen und Nutzer der Hochschule sein. Wir wünschen uns diese als Teil des städtischen Lebens. Wenn wir wollen, dass junge Menschen Reutlingen als attraktiven Studien-, Lebens- und später vielleicht auch Arbeitsort wahrnehmen, müssen wir ihnen auch außerhalb des Campus etwas bieten.
Eine Stadt, die junge Menschen gewinnen will, kann nicht gleichzeitig erwarten, dass es in ihrer Innenstadt nach 22 Uhr möglichst still ist.
Die Messung des Soziallärms ist deshalb ein sinnvoller Ansatz. Eine objektive Datengrundlage kann helfen, die Diskussion zu versachlichen und Maßnahmen gezielter einzusetzen. Entscheidend ist aber, dass wir daraus keine reine Lärmdiskussion machen.
Wir wollen keine Innenstadt ohne Geräusche. Wir wollen eine Innenstadt mit Leben – und mit Lösungen für die Konflikte, die dieses Leben mit sich bringt.
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